Montag, 4. Februar 2013

Die letzten Worte meines Bruders

Auszug aus meinem Tagebuch vom 29. Januar 2013, Dienstag

Vom Pflegeheim hatten wir die Nachricht bekommen, daß mein Bruder wieder im Krankenhaus sei.
Pünktlich 15:oo Uhr war ich im Krankenhaus, um die „Ärzte-Sprechstunde“ zu nutzen.
Als ich ankam gab es schon auf dem Flur einen Disput zwischen einem Ehepaar und dem diensthabenden Arzt, der so laut geführt wurde, daß ich ungewollt Teile davon mithören mußte.
" . . . 2 Ärzte haben sich krank gemeldet . . . wir arbeiten hier nur mit einer Besetzung von eineinhalb Ärzten . . . sagen sie mir was ich da schneller machen soll . . ."

Ich durfte noch gut eine halbe Stunde auf seine Auskünfte warten:
Es seien Coli-Bakterien im Darm und im Blut, aber man sei schon auf dem richtigen Weg.
Meine Frage nach dem Essen welches mein Bruder bekommt, verwunderte ihn.
Als ich ihm dann die zwei Fotos von Berni beim Essen im Liegen zeigte, meinte er nur, daß das ja unmöglich sei, aber da wolle er sich nicht beim Pflegeheim einmischen. Für genauere Informationen verwies er mich an die zuständige Krankenschwester.

Als ich das Krankenzimmer betrat, sah ich daß die Gegend rund um seine linke Hand voll blutgetränkt war – er hatte sich die in der Nähe des Handgelenks liegende  Braunüle heraus gezogen oder geöffnet – alles war voll Blut.
Ich hatte den Eindruck, daß Berni sich die Braunüle ganz bewußt geöffnet
oder herausgezogen hatte . . .

Mein Bruder schaute mich nur matt an, als ich nach einer Weile das Krankenzimmer betrat und sagte leise (aber doch recht deutlich zu verstehen):

„Laß gut sein Kurt . . . laß gut sein . . .“

Das waren seine letzten Worte, die ich hier auf Erden von ihm hörte.
- Er konnte und wollte einfach nicht mehr. -

Die zuständige Krankenschwester mußte das ganze Bett umziehen und eine neue Braunüle zur Infusion legen.
In Sachen Essen sagte sie mir, daß mein Bruder nur flüssige Nahrung bekomme, da er feste Speisen verweigere.


3. Februar 2013, Sonntag

Um 19:18/19:19 Uhr hatte ich meine Präsentation für die Vorstellungsrunde beim Verein  „wir-pflegen e.V.“ fertig.
Gut eine Stunde später rief mich der diensthabende Arzt Herr F. aus dem Krankenhaus an
und teilte mir den Tod meines Bruders mit.
Er fragte mich auch, wie die Familie über eine Obduktion denkt.
Ich meinte daß dieses sehr sinnvoll sei . . . auch im Hinblick darauf, daß der Arzt auf meine Fragen hin auch mehrmals von „Aspiration“ als eine der Möglichkeiten sprach, die zum Tode geführt habe..

Ich habe den leisen Verdacht, daß die mittelbare Todesursache eine Aspirationspneumonie gewesen sein könnte.
in diesem Falle könnte das ein Fall für den Staatsanwalt werden, auch wenn es nur noch dazu dienen mag, daß andere, die noch heute in Pflegeheimen leben müssen, ein wenig besser vor subtiler Gewalt (Essen im Liegen) geschützt werden.

~ ~ ~ ~ ~

Nein, ich habe immer noch keine Tränen.
Ich bin nur unendlich müde . . .

Sonntag, 3. Februar 2013

Fin

  Das Leiden hat ein Ende



Wir retten in den Intensivstationen unserer Krankenhäuser Leben um jeden Preis . . .
und dann lassen wir dieses gerettete Leben
in einem Alten- oder Pflegeheim
gewinnbringend dahin vegetieren, 
bis es nicht mehr kann?

~ ~ ~

Ja, vermutlich hat das Team von Welt.de recht mit diesem Tiltel:



Freitag, 1. Februar 2013